Die neue Lust auf Fleischverzicht

Vom Fleischverzicht gibt es bisher kaum keine Spur: Wir essen Salami auf dem Frühstücksbrötchen, eine schnelle Bratwurst unterwegs und ein feines Steak am Abend. Für die meisten Menschen gehört Fleisch zur Ernährung ganz selbstverständlich dazu. Doch der durchschnittliche Konsum in Deutschland sinkt seit Jahren. Und das ist gut so, denn weniger ist hier eindeutig mehr – fleischlose Ernährung ist gut fürs Klima und für die Gesundheit.

Fleisch und Wurstwaren

Bratwurst, Aufschnitt oder Schnitzel – noch nie wurde so viel Fleisch konsumiert wie heute. | Bild: monticellllo/stock.adobe.com

Wenn du dich fragst, ob Fleischverzicht das Richtige für dich ist, dann lies gerne weiter. Denn wir nehmen das Thema einmal genauer unter die Lupe. Es erwarten dich: verschiedene Fakten zum Fleischkonsum, Wissenswertes zu Produktion, Tierwohl und Umweltauswirkungen und unsere persönlichen Tipps zum Fleischverzicht.

Fleisch ist in aller Munde

Dieser Satz ist natürlich eine Übertreibung, denn nicht jeder Mensch auf der Erde isst Fleisch. Es gibt sogar ganze Kulturen, die sich fleischlos ernähren. Hier in Deutschland steigt die Zahl der vegetarisch oder vegan essenden Menschen immer weiter. Vor allem unter den Jüngeren, denn bei den 15-29-Jährigen sind es doppelt so viele wie bei den Älteren. (1)

Ist Fleisch essen gesund?

Fleisch enthält bis auf Kohlenhydrate alle Makronährstoffe, also Eiweiße und Fette, dazu kommen Vitamine und Mineralstoffe. Zusammen genommen spendet uns das viel Energie. Das tierische Protein ist dem menschlichen Eiweiß in seiner Struktur sehr ähnlich. Deshalb können wir es besonders gut verwerten – tatsächlich sogar besser als pflanzliches Protein.

Allerdings bringt Fleisch auch den einen oder anderen unerwünschten Stoff mit. So lösen zum Beispiel die enthaltenen Purine Gichtanfälle aus und insgesamt steht Fleisch in Verdacht, Entzündungen im Körper zu fördern. Daher raten Fachleute dazu, mehr Eiweiß aus pflanzlichen Quellen wie Erbsen, Sojabohnen oder Lupinen aufzunehmen.

Was sagt die Wissenschaft zum Fleischverzicht?

Fleisch gehört schon seit langer Zeit zur Ernährung des Menschen und wenn der Verzehr maßvoll und bewusst ist, spricht aus gesundheitlicher Sicht nichts dagegen. Dabei darf es gerne mehr (weißes) Geflügelfleisch und weniger Fleisch von Schwein und Rind sein, denn das rote Fleisch erhöht das Risiko für Darmkrebs. Auch von verarbeiteten Fleischprodukten wie Wurstwaren und Schinken wird eher abgeraten. Sie enthalten zusätzlich oft viel Salz, von dem wir sowieso schon meist zu viel aufnehmen.

Vielleicht ist Wild für dich eine Alternative? Das Fleisch stammt garantiert nicht aus der Massentierhaltung und das Futter ist auch rein natürlich.

Kühe im Stall fressen Heu

Trauriger Alltag: in konventioneller Tierhaltung werden Mutter und Kalb kurz nach der Geburt getrennt. | Bild: littlewolf1989/stock.adobe.com

Was hat Wohlstand mit Fleischproduktion zu tun?

Weltweit steigt der Konsum an Fleisch und Fleischprodukten. Seit 1960 hat er sich mehr als vervierfacht. (2) Das liegt vor allem daran, dass der Wohlstand in vielen Ländern wächst und sich immer mehr Menschen Fleisch leisten können. In der Nachkriegszeit aber war Fleisch auch in Deutschland noch ein rares Gut. Der Sonntagsbraten war die Regel, an anderen Tagen gab es kaum Fleisch. Und selbstverständlich wurde dann auch das ganze Tier verwertet.

Heute kaufen wir dagegen am liebsten Filet – schön mager und zart. Mit anderen Fleischstücken oder gar Innereien können viele Menschen nichts mehr anfangen. Schade eigentlich, denn dieser Luxus geht zu Lasten der Tiere und der Umwelt. Gerade die massenhafte Tierhaltung bringt viele Probleme mit sich.

Welche Probleme birgt die Massentierhaltung?

Egal ob Pute, Schwein oder Rind, in den meisten Stallungen haben die Tiere echt wenig Platz. Zwar liefern verschiedene Tierschutz-Labels Empfehlungen für bessere Bedingungen, doch mehr Platz kostet Geld und das ist bei den derzeitigen Fleischpreisen Mangelware.

Bei den vielen Tieren, die gemeinsam in der Enge gehalten werden, haben Krankheiten leichtes Spiel, so dass immer wieder Antibiotika zum Einsatz kommen. Zum Glück konnte durch verschiedene Maßnahmen die Menge deutlich reduziert werden. Trotzdem machen Fachleute sich Sorgen, denn in Deutschland treten oft resistente Keime auf, die auf keines der bekannten Antibiotika mehr reagieren. Das führen sie darauf zurück, dass in der Behandlung von Tieren und Menschen zu oft Antibiotika gegeben werden. Auch in Fällen, wo diese gar nicht nötig gewesen wären.

Die gute Nachricht ist, dass Antibiotika-Rückstände in Lebensmitteln sehr unwahrscheinlich sind, denn wir haben strenge Regeln für den Einsatz bei Nutztieren und zwischen der Behandlung mit Antibiotika und der Schlachtung gibt es Wartezeiten. (3)

Wenn viele Menschen öfter auf Fleisch verzichten würden, müssten weniger Tiere gehalten werden. Wir dürfen hoffen, dass sich dann auch die Haltungsbedingungen verbessern. Das wäre gut für die Tiere, aber eben auch für uns Menschen.

Massentierhaltung im Schweinestall

Warten auf den Schlachter | Bild: Sonja Birkelbach/stock.adobe.com

Was bedeutet Fleischverzicht für die Natur?

Unser hoher Fleischkonsum und die Massentierhaltung haben auch Folgen für die Umwelt. Denn die Fleischproduktion verbraucht viele natürliche Ressourcen. Für ein Kilogramm Rindfleisch benötigt man rund 15.500 Liter Wasser. (4 ) Aber das ist noch nicht alles: Die Fleischproduktion und die dafür nötigen Futtermittel nehmen auch viel Platz in Anspruch. Fläche, auf der auch Lebensmittel für den menschlichen Verzehr wachsen könnten. In Deutschland wachsen auf rund 60 Prozent der Ackerfläche Pflanzen als Tierfutter. (5)

Das ist vor allem weltweit ein Problem, denn zum Beispiel in Brasilien wird immer noch Regenwald gerodet, um Futtersoja anzubauen. Viele Tiere brauchen nun mal viel Futter, und das wird auf riesigen Flächen angebaut, geerntet, um die Welt geschifft und schließlich verfüttert. Dann dauert es allerdings immer noch geraume Zeit, bis ein Tier schlachtreif ist. Die Tierhaltung und der Anbau von Futtermitteln haben eine gewaltige Auswirkung auf die Umwelt und das Klima.

CO2-Ausstoß, Regenwaldabholzung und Artensterben

Jedes atmende Lebewesen setzt Kohlenstoffdioxid (CO2) frei. Das gilt natürlich auch für Masttiere. Dazu kommt das CO2, das bei der Futtererzeugung und dem Transport ggf. aus Übersee entsteht. So weichen jedes Jahr große Teile des Regenwaldes und artenreiche Landschaften den Feldern, die dieses Tierfutter liefern. Dabei gehen ganze Ökosysteme verloren und Arten sterben aus. Das ist ein verheerendes Geschehen für das natürliche Gleichgewicht unseres Planeten.

Wer Fleisch isst, belastet das Klima, so viel steht fest. Wenn nun viele Menschen auf Fleisch verzichten, würden weniger Tiere gehalten werden müssen. Folglich müsste auch weniger Fläche zur Futtermittelerzeugung bereitgehalten werden. Der Regenwald und andere natürliche Landschaften sowie die innewohnende Flora und Fauna hätten wieder mehr Raum und könnten größere Mengen Kohlenstoffdioxid in der Luft binden. Außerdem würden weniger Treibhausgase durch Anbau, Ernte und Transport der Futtergetreide anfallen. Der nachhaltige Fleischverzicht vieler Menschen könnte somit das Klima positiv beeinflussen.

Bio-Gemüse in einer Holzkiste auf dem Wochenmarkt

Ist Fleischverzicht und mehr Gemüse die Lösung? | Bild: alicja neumiler/stock.adobe.com

Ist jetzt die Zeit für Fleischverzicht?

Es scheint, als ob wir dringend umdenken müssten. Denn so kann es schließlich nicht weitergehen: Durch die Massenproduktion leiden nicht nur die Tiere, weil sie unter unwürdigen Bedingungen leben, sondern auf lange Sicht auch wir Menschen, weil wir Billigfleisch konsumieren und davon krank werden können. Außerdem nimmt die Fleischproduktion viel zu viel Platz ein, verbraucht zu viele Ressourcen und schadet damit der Umwelt und dem Klima.

Was wäre also, wenn wir wirklich kein Fleisch mehr essen? Wie du gelesen hast, würde das viele Probleme verkleinern oder sogar lösen. Doch ganz so einfach ist es leider nicht, denn eine solche Kehrtwende unserer Konsumgesellschaft ist unrealistisch. Immerhin essen über 90 Prozent der Deutschen regelmäßig und gerne Fleisch. (6) Die werden nicht alle von heute auf morgen Veganer.

So kann Fleischverzicht funktionieren

Wir müssen also Stück für Stück zum Umdenken anregen, nicht gleich alle Fleisch- und Wurstwaren schlecht reden oder verbieten, sondern gute Produkte, die biologisch und regional unter sozialverträglichen Bedingungen und höchsten Tierwohl-Vorschriften hergestellt werden, unterstützen und vermarkten. Das ist mehr Aufwand, dauert sicher länger und ist teurer, aber auch gesünder und umweltfreundlicher.

„Fleischverzicht“ muss nicht bedeuten, dass wir gar kein Fleisch mehr essen dürfen. Es bedeutet eher, dass wir unser Konsumverhalten überdenken sollten. Nur ein geringerer Fleischkonsum bedeutet weniger Massentierhaltung – und damit mehr Raum für Natur und Artenvielfalt. Mit einem größeren Teil der bisher für Tierfutter genutzten Fläche könnte man den Kalorienbedarf der Weltbevölkerung ebenso decken, wenn wir dort Pflanzen für Menschennahrung statt für Tierfutter anbauen würden.

Flexitarisch, vegetarisch oder vegan – wer weniger Fleisch verzehrt, isst automatisch mehr Gemüse und Hülsenfrüchte, was den Körper mit gesunden Ballaststoffen und pflanzlichen Proteinen versorgt. Diverse Studien haben ergeben, dass eine ballaststoffreiche Ernährung fit und leistungsfähig macht und die kognitiven Fähigkeiten stärkt. Fleischverzicht wirkt sich also direkt auf die Gesundheit aus. (7)

Tipps zum Fleischverzicht

Wer seinen Konsum bewusst einschränkt und nur noch ab und an hochwertige Fleischprodukte genießt, tut nicht nur der eigenen Gesundheit etwas Gutes, sondern setzt sich automatisch für eine bessere Tierhaltung ein. Wichtig dabei ist: Jeder kleine Schritt zählt! Auch du kannst dazu beitragen. Beginne doch zum Beispiel mit unseren Tipps zum Fleischverzicht:

  1. Führe einen „Meatless Monday“ ein, also einem Montag ohne Fleisch. Bei unserer Veggie-Rezepten findest du fleischfreie Köstlichkeiten für jede Jahreszeit.
  2. Werde kreativ und lerne Neues kennen: Sonnenblumen-Hack, Räuchertofu und oder Sojaschnetzel lassen sich vielseitig einsetzen. Ab und an kann auch ein Fertigprodukt wie Sojawürstchen oder eine fertige Curry-Vurst den Speiseplan bereichern. (Beachte aber, dass diese Produkte letztlich oft genauso verarbeitet sind, wie die verarbeiteten Fleischprodukte, die wir hier verteufeln!)
  3. Entdecke die Vielseitigkeit von Gemüse, Getreide, Hülsenfrüchten, Nüssen, Samen und Kräutern. Mittlerweile gibt es so viele leckere Rezeptideen, die ganz ohne Fleisch oder Ersatzprodukte auskommen. Wir empfehlen: vegetarische Spinatlasagne oder vegane Linsenbolognese. Bei diesen Gerichten wirst du garantiert keinen Gedanken an Fleisch verschwenden!

Übrigens: Fleischverzicht ist nicht unbedingt teurer als eine Ernährung mit Fleisch!

Viele haben Angst davor, dass eine vornehmlich pflanzliche Ernährung den Geldbeutel belastet. Aber auch, wenn besondere Zutaten wie Tofu oder Seitan vielleicht etwas teurer sind: die Grundzutaten einer pflanzlichen Ernährung sind erheblich günstiger als Fleisch. Kartoffeln, Reis, getrocknete Hülsenfrüchte oder Obst und Gemüse der Saison sind meistens günstiger als Fleischprodukte.

 

Quellen:

(1) Fleischatlas Heinrich-Böll-Stiftung – https://www.boell.de/sites/default/files/2022-01/Boell_Fleischatlas2021_V01_kommentierbar.pdf

(2) WWF Deutschland – https://www.wwf.de/themen-projekte/landwirtschaft/ernaehrung-konsum/fleisch/der-appetit-auf-fleisch-und-seine-folgen

(3) Bundesinformationszentrum Landwirtschaft – https://www.landwirtschaft.de/diskussion-und-dialog/tierhaltung/antibiotika-in-der-nutztierhaltung

(4) Peta Deutschland – https://www.peta.de/themen/wasserverbrauch-fleisch/

(5) Bundesinformationszentrum Landwirtschaft – https://www.landwirtschaft.de/landwirtschaft-verstehen/wie-arbeiten-foerster-und-pflanzenbauer/was-waechst-auf-deutschlands-feldern

(6) WDR Doku – Fleischland: Warum fällt es uns so schwer zu verzichten? 2021 – einsehbar auf www.youtube.com/watch?v=act2UsIFtlM&t=1899s

(7) Kompetenzzentrum für Ernährung des Bayerisches Staatsministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten – https://www.kern.bayern.de/wissenschaft/256941/index.php

 

Titelbild: Jürgen Fälchle/stock.adobe.com

Autor:in

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